Evang.-Luth. Kirche Rosenheim

Sonntag Quasimodogeniti "Weißt Du wieviel Sternlein stehen?"

Pfarrerin Claudia Lotz

Quasimodogeniti 2020

Liebe Gemeinde,

vor wenigen Tagen stand der Frühlingsvollmond über der Apostelkirche und leuchtete in mein Schlafzimmer hinein. Weniges kann mich so faszinieren, wie die Sterne am Himmel und Erkenntnisse über das Universum: das erste Foto von einem schwarzen Loch, die Theorie von Parallel-Universen, die zeitlosen Gesetze, nach denen sich die Planeten um die Sonne bewegen.

Auch Dr. Watson, Sherlock Holmes unentbehrlicher Freund, ist fasziniert vom Blick in den Nachthimmel:

Dr. Watson und Sherlock Holmes unternehmen zusammen einen Campingausflug. Nach einer guten Flasche Wein legen sie sich gemütlich schlafen. Einige Stunden später weckt Sherlock Holmes seinen Freund auf und fragt den Doktor: „Mein Freund, was sehen Sie, wenn Sie nach oben schauen?“
Watson antwortet: „Ich sehe Millionen und Abermillionen von Sternen.“
„Und was sagt Ihnen das“, hakt Holmes nach.
Watson überlegt und antwortet dann: „Astronomisch gesehen sagt das mir, dass Millionen Galaxien und Abermillionen Planeten existieren. Theologisch gesehen sagt das mir, dass Gott existiert und alles wohl geordnet hat. Meteorologisch gesehen sagt das mir, dass es morgen wundervolles Wetter geben wird. Aber verehrter Freund, was sagt es Ihnen?“
Holmes antwortet: „Watson, jemand hat unser Zelt gestohlen.“

Dr. Watson hat sich also ganz seiner Faszination für den Kosmos hingegeben, während Sherlock Holmes den Blick des Praktikers bewahrt.

Wir blicken in den Nachthimmel und sehen in den Sternen Kunstwerke Gottes, der Schöpfer des Himmels und der Erde wird darin für uns sichtbar – nur er selbst bleibt unsichtbar.

beim Propheten Jesaja steht in Kapitel 40, in den Versen 26-31
26) Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

27) Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? 28) Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29) Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30) Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; 31) aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Weißt Du wieviel Sternlein stehen an dem weiten Himmelszelt? In der ersten Strophe dieses Liedes sind es die Sternlein, dann kommen die Mücklein und Fischlein, schließlich die Kinder, also die Menschen, wir. Unbekümmert klingt uns dieses Lied; es sagt uns, dass alle Lebewesen von Gott gekannt, ja gezählet werden.
Der Prophet Jesaja singt auch so ein Mutmachlied. Er fragt das Volk Israel: Warum sagt ihr „Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht an meinem Gott vorüber.“? Das Volk ist müde, resigniert, traurig. Sie leben im Exil in Babylon und haben die Heimat und den Tempel – den Wohnort Gottes – verloren. Haben sie damit jetzt auch noch Gott verloren? Haben hier in Babylon nur noch die Götter Babylons das Sagen? „Hebt eure Augen in de Höhe!“ Klar, dass der Prophet so redet. Die Babylonier sind hervorragende Astronomen und clevere Astrologen; sie richten ihr Leben nach den Sternen aus, die für sie Götter sind. Jesaja aber sagt: Das da oben sind keine Götter! Jahwe, Adonai, hat diese Lichter erschaffen. Sie bewegen sich ganz genau auf den Bahnen, die Gott für sie vorgesehen hat, er kennt die Sterne mit Namen. Und wenn Gott diese Sterne lenkt – wie sollte er dann nicht auch unsere Geschichte lenken?

Jede und jeder von uns ist in diese Welt hineingeworfen, scheinbar zufällig, und verglichen mit dem Alter des Universums ist unser Leben nicht mehr als ein Windhauch; wir erleben Freude und Leid, manchmal mehr Leid, als wir aushalten können, wir resignieren, weil wir erleben, dass unser Leben zerbrechlich ist, dass es durch eine Krankheit oder einen Schicksalsschlag für immer ein anderes geworden ist, nicht mehr heil ist. Die Warum-Frage in den Himmel hinein gesprochen, gerufen und geweint ist uralt, so alt wie der Mensch. In Babylonien damals herrschten andere „Götter“, heutzutage gibt es Gottesfinsternis und die Zweifel an diesem Gott, der Sternlein, Mücklein und Fischlein zählet, dass sie nun so fröhlich sind, scheinen berechtigt. Zwischen diesem Ideal und unserer Lebenswirklichkeit ist ein großes Loch. Vom Glauben zum Zweifel hin zum Nichts ist es da nur noch ein kleiner Schritt.

Was sagt uns der Prophet Jesaja dazu? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Gott bleibt unberechenbar und ist uns doch immer ein Gegenüber. Doch warum schweigt Gott zu unserem Leid und Schmerz und Angst? Weil er unverfügbar ist, aus gutem Grund! Das ist eine Un-Logik, die sich schwer aushalten lässt. „So ist Gott. Er ist ein Gott, der sich verbirgt. Der Mensch mag ihn suchen und findet ihn nicht; der Mensch mag ihn rufen und erhält womöglich keine Antwort. Auf geheimnisvolle Weise ist der Gott, der sich verbirgt auch der Gott, der errettet. Wenn der Mensch in eigener Verantwortlichkeit handeln soll, ohne fortwährend durch die Übermächtigkeit Gottes eingeschüchtert zu werden, muss Gott sich aus der Geschichte zurückziehen, muss zugleich abwesend und gegenwärtig sein. Er verbirgt seine Anwesenheit. Er ist gegenwärtig, ohne sich unzweideutig zu manifestieren, er ist abwesend, ohne hoffnungslos unerreichbar zu sein.“ (Rabbi Eliezer Berkovits, 1908-1992).
Viele unserer Enttäuschungen mit Gott kommen daher, dass wir wie ein Kind glauben, es müsse denjenigen, die an Gott glauben, immer gut gehen. In dem Lied von den Sternlein an dem blauen Himmelszelt gibt es nichts Dunkles und Schweres.

Wir glauben, dass Gott fern und nah zugleich ist, seine Verborgenheit gehört zu seinem göttlichen Wesen, genauso, wie die Nähe und seine Liebe zu uns. Das zu wissen und immer wieder zu erleben, kann uns neue Kraft geben, dass wir auffahren mit Flügeln wie Adler. Der Schnittpunkt zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen, ist Jesus von Nazareth. Gott ist nicht oben über dem Sternenzelt geblieben, sondern er ist zu uns gekommen, einer von uns geworden und er ist den Erdenweg zwischen Geburt und Grab gegangen.
Jesu Auferstehung an Ostern ist ein neuer Anfang für uns alle, einmal für immer, jedes Jahr neu und für die Ewigkeit.
Dieses Jahr sehe ich in der Natur ein Wiederauferstehen aus einem – zugegebenermaßen milden – Winter, das an Üppigkeit, Blühen und Zwitschern kaum zu überbieten ist! Vielleicht aber empfinde ich es aber auch so intensiv, weil sonst gerade alles sehr reduziert ist: Meine Arbeit mache ich fast nur noch vom Telefon aus und am Computer, die Begleitung von Menschen ans Grab ist sehr still – alles andere, Taufen, Hochzeiten, Gottesdienste, Versammlungen, gibt es nicht. Das, was Kirche und Gemeinde ist, nämlich dass Menschen in Gottes Namen zusammenkommen, das findet nicht statt. Hier warte ich noch auf Ostern. Sehnsüchtig. Auf die Wiederauferstehung dieses Lebens.

Die Sterne am Himmel zeigen mir die Handschrift Gottes. Das Kreuz und das leere Grab aber sind seine Fußspuren auf diese Erde. Sie sind mir ein Fingerzeig Gottes und geben mir Orientierung, lassen mir, wenn ich müde und traurig bin wieder „Adlerschwingen“ wachsen. Gott im Himmel kennt auch dich und hat dich lieb. Jeder Mensch ist ein einmaliger Stern in Gottes Schöpfung, unverwechselbar. Gott kennt jede und jeden von uns mit Namen. Was für ein Schatz in unserem Leben! Amen

Ihre Pfarrerin Claudia Lotz

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